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Buchrezensionen zu Bernd Stiegler |
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Zwei Buchrezensionen von Gottfried Jäger zu:
(1) Bernd Stiegler: Theoriegeschichte der Photographie. 472 S., Broschur, 23 x 16 cm, m. zahlr. SW-Abbildungen. Reihe Bild und Text, hrsg. von Gottfried Boehm, Gabriele Brandstetter, Karlheinz Stierle. Wilhelm Fink Verlag, München, 2006. ISBN 13: 978-3-7705-4216-1; ISBN 10: 3-7705-4216-9.
(2) Bernd Stiegler: Bilder der Photographie. Ein Album photographischer Metaphern. 276 S. Broschur, 17.5 x 11 cm, m. zahlr. SW-Abbildungen. Edition Suhrkamp 2461. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006. ISBN 3-518-12461-7.
Publiziert in: European Photography Nr. 79/80, 2006, S. 97-98.
(1) Bernd Stiegler: Theoriegeschichte der Photographie. 472 S., Broschur, 23 x 16 cm, m. zahlr. SW-Abbildungen. Reihe Bild und Text, hrsg. von Gottfried Boehm, Gabriele Brandstetter, Karlheinz Stierle. Wilhelm Fink Verlag, München, 2006. ISBN 13: 978-3-7705-4216-1; ISBN 10: 3-7705-4216-9.
Seit der verdienstvollen dreibändigen Sammlung von Texten zur Theorie der Fotografie von Wolfgang Kemp in den Jahren 1979 bis 1983, ergänzt durch einen vierten Band von Hubertus von Amelunxen 2000, ist keine deutschsprachige zusammenhängende Publikation zu diesem Thema mehr erschienen. Umso mehr Aufmerksamkeit verdient die jetzt vorliegende Publikation von Bernd Stiegler, die sich in ihrem Vorwort ausdrücklich auf die vorgenannte Buchreihe bezieht und aus ihrem Fundus häufig zitiert. Gleichwohl handelt es sich hier um ein Buch, das die Theoriegeschichte der Fotografie von der Erfindung der Daguerreotypie bis zur digitalen Fotografie auf ganz eigene Weise behandelt. Sie geht davon aus, dass es die Fotografie nicht gibt – dagegen eine Vielfalt unterschiedlichster Erscheinungen. Daher könne es auch keine einheitliche, stringente Theoriegeschichte geben, man müsse von Theorien sprechen. Sie treten in Wechselwirkung zur fotografischen Praxis zeitlich nacheinander auf und tragen durch Begriffsbildung zur Auseinandersetzung mit zeittypischen Phänomenen bei. Dazu gehören beispielsweise die ‚Abbildung des Sichtbaren’ in der Frühzeit des Mediums, die ‚Sichtbarmachung des Unsichtbaren’ durch bildgebende Verfahren in der Kunst- und Wissenschaftsfotografie um 1900, das ‚Neue Sehen’ der 1920er Jahre als Sehschule und Signal des Aufbruchs in eine Welt erweiterter Wahrnehmung und der noch immer aktuelle Begriff der ‚Dekonstruktion’, der zwei ‚an sich’ unvereinbare, ja widerstrebende Begriffe, in Eins setzt, womit er einer Grundtendenz des Mediums Ausdruck gibt, seiner Ambivalenz. In dem Versuch einer Beschreibung dessen entstehen zwangsläufig komplexe Sätze wie: „Von der Wahrnehmung unterscheidet sich die Fotografie durch ihre Prägnanz, vom Bild durch ihre Kontingenz und vom Zeichen durch ihre Unbestimmtheit.“ (Stiegler, Kapitel „Fotografie und Medientheorie“). Andererseits gab die erklärte Indifferenz des Mediums auch stets Anlass zu neuen, ebenso anregenden wie spektakulären Deutungsversuchen, die Stiegler vor allem aus den Ansätzen postmoderner Denker – Flusser, Baudrilliard, Virilio, Bolz – herausfiltert: „Die Fotografie lotet den Spielraum der Freiheit des Menschen in einer apparativ bestimmten Welt aus.“
Damit entstand ein hochkomplexes Buch, das bekannte und auch noch wenig geläufige Theorieansätze plausibel vermittelt, und sie durch einen umfangreichen Verweisapparat ergänzt und so weiteren Studien zugänglich macht.
Die Position einer ‚Fotografie der Fotografie’ sucht man in dem Buch allerdings vergebens. Leider. Es ist, so der Autor gesprächsweise, sein Blinder Fleck. Wie schön, die Metapher! Denn bekanntlich laufen eben hier alle Sehnerven zusammen. Doch eben hier ist auch das Auge: blind.
Das Gleiche gilt auch für das zweite, eben vorgelegte Buch von Bernd Stiegler, ein Abfallprodukt des ersten, wie der Autor unterkühlt erwähnt, denn es ist natürlich mehr: ein höchst eigenes und originelles Werk.
(2) Bernd Stiegler: Bilder der Photographie. Ein Album photographischer Metaphern. 276 S. Broschur, 17.5 x 11 cm, m. zahlr. SW-Abbildungen. Edition Suhrkamp 2461. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2006. ISBN 3-518-12461-7.
Die „Bilder der Fotografie“ bestätigen die „Theorie der Fotografie“, indem sie zeigen, dass das Fotobild vom Sprachbild lebt – wie auch umgekehrt. Es geht um die wechselseitige Anregung zweier Medien. Das Buch spielt mit Begriffen der Fotografie, mit ihren Sprachbildern, und lässt daraus Text, Literatur, und wieder neue Bildbilder entstehen. „Wie bei keinem anderen technischen Medium zeichnet sich die Geschichte der Photographie dadurch aus, daß sie zahlreiche Metaphern aufgenommen und produziert hat.“ Das Buch verweist nun anhand von alfabetisch geordneten Begriffen von ‚Äquivalent’ über ‚Mord’ bis ‚Zeuge’ auf entsprechende Imaginationen, die die Fotografiegeschichte zum einen konkret veranschaulicht, zum anderen fest eingebildet hat – wobei man am Ende nicht weiß, wem der Primat zukommt, ein Wechselspiel eben.
Das Buch erweist sich damit als außerordentlich anregend und fordert geradezu dazu auf, auf seinen Spuren fortzufahren. Auch die unverdächtigsten Fachtermini, Aufnahme, Selbstauslöser, Schnappschuss, erhalten danach einen neuen Klang und setzen sich in Bildvorstellungen um. Die Medien Bild und Sprache werden auf intelligente und anregende Weise gegeneinander ausgespielt. Der Buchtitel selbst ist anregend, weil er tautologisch scheint, ebenso selbst verständlich, wie paradox. Die Texte sind am Ende offen, skizzenhaft angelegt, ergänzungsfähig, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und enzyklopädisches Register. So soll, kann Theorie (auch) sein: Impuls für die Praxis durch neue Denkansätze. Ein weiter führender Literaturapparat erschließt das Umfeld, dem Zitate entstammen und in das sie fortführen können. Fazit: Ein Autor, zwei grundverschiedene, aber gleichermaßen empfehlenswerte Neuerscheinungen.
Publiziert in: European Photography Nr. 79/80, 2006, S. 97-98. |
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